BEARING BODIES CAR(RY)ING MUMS: Recherche über Rollenbilder zwischen Künstler*innendasein und Mutterschaft. Nora Eberfeld

Eine Recherche über Rollenbilder zwischen Künstler:innendasein und Mutterschaft

Kunst ist Luxus, wenn man Mutter ist. Sich das überhaupt zu erlauben: Dinge zu tun, die vielleicht auf den ersten Blick keinen kapitalistischen oder kümmernden Sinn haben. Und auf den zweiten auch nicht. Mareice Kaiser

Als Tänzerin, Choreografin und zweifache Mutter verhandle ich mein eigenes Wirken stets in Beziehung. Ich bin Mutter VON, arbeite als Choreografin und Tanzvermittlerin MIT und als Tänzerin FÜR andere Menschen. Während sich meine Rollenbilder stets auf ein Gegenüber ausrichten, ist mein Körper in einem ständigen Prozess der Anpassung: Nähren und Rückbilden, Formen bilden und brechen, Impulse geben und in Resonanz treten.

Ausgangspunkt meiner Recherche im Rahmen von DIS-Tanz-Solo, war die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper als Archiv dieser Rollenbilder. Im Studio habe ich mich zunächst intensiv mit der Frage beschäftigt, welche verkörperten Erinnerungen und Zuschreibungen präsent sind, ohne das direkte Gegenüber und den Relationen VON, FÜR und MIT.

Schnell wurde deutlich, dass die Omnipräsenz der Mutterschaft als Rollenbild einen dominanten Einfluss auf meine weiteren Zuschreibungen hatte, was sich zum einen durch strukturelle Bedingungen (z.b. Arbeitszeit, also Zeit für Kunst ist Kitazeit), zum anderen durch die Realität der Arbeitsweisen (Stichwort Flexibilität und Pragmatik, z.B. Kind krank, also Kind dabei bzw. Umstrukturierung der Arbeitsverhältnisse), aber auch durch das Einschreiben von körperlichen Spuren begründet. So hat sich im Laufe der Recherche mein Wunsch geformt, dem Spannungsfeld von Künstler*innendasein und Mutterschaft mehr sichtbaren Ausdruck zu verleihen.

Wenn ich Mutterschaft auf der Bewegungsebene betrachte, ist für mich ein zentrales Motiv das Tragen: Tragen, sowohl physisch als auch emotional (vgl. mental load). Gemeinsam mit der Mutter, Performance Künstlerin und Fotografin Anja Winterhalter entwickelte ich eine Fotoserie zum Bewegungsphänomen Tragen. Die Fotos inszenieren das Spannungsfeld zwischen (Über)Ladung und Balanceakt, der sofort aus dem Gleichgewicht gerät, sobald ein Element ins Wanken kommt. Ausgehend von rekonstruierten Posen meines Rollenbildes der Tänzerin, spielten wir mit der Akkumulation von Spielzeugen unserer Kinder. Wichtig war uns dabei, dass die Fotos Ausdruck von Ambivalenz sind: zum einen gibt es die konkrete, performative und humorvolle Ebene durch die Anhäufung der Spiel- und Gebrauchsartikel von Kindern auf dem weiblichen Erwachsenenkörper, zum anderen bleibt ein Grad der Abstraktion: Jedes der Motive fungiert als doppelte Ebene der Ästhetisierung, indem sie den Körper verändern, in der Aussage konterkarieren oder zum Accessoire werden: zum Kragen, zur Schwimm- oder Schlafbrille…

Für mich ist die Recherche nicht nur eine persönliche Reflexion meiner Rollenbilder, sondern zugleich auch eine gesellschaftliche Positionierung. Mutterschaft und Künstler*innendasein ist auch heute oftmals noch ein Entweder Oder Phänomen und von vielen Hürden und struktureller Benachteiligung gekennzeichnet. In diesem Sinne, möchte ich einen Beitrag für mehr Sichtbarkeit dieser Thematik leisten und plädiere für eine solidarische Haltung und einen diversen Mutterschaftsbegriff – nicht nur in der Kunst.

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