Ein Archiv erwacht. Oliver Hohlfeld

In der Deutschen Tanzkompanie (DTK) findet man hinter einer Tür eine weitere. Auf dieser steht: Archiv. Schon diese Anordnung ist sinnbildlich für die Situation, wie sie noch vor einigen Monaten bestand. Nach etwa zehnjährigem Dornröschenschlaf, quasi im Verborgenen, war es höchste Zeit, sich eines Schatzes anzunehmen. Der Raum mit Bücherregalen und Karteischränken war bis dahin teilweise als Büro und teilweise als Lager für Geräte, Verpackungen und Plakate genutzt worden. Nun hat nach gründlichen Aufräumarbeiten sowie der Auslagerung von aktuellem Werbematerial die Sichtung begonnen. Hierbei wurde schnell klar, dass Teile des Archives ausgelagert worden sind. Das erklärt das Vorhandensein von Registraturen, denen keine Medien zuzuordnen sind. Von diesen (Bücher, CDs, Fotos, Zeitungsartikeln, Videos in allen denkbaren Formaten) gibt es jedoch eine ganze Menge. So stehen im Moment zwei Aufgaben im Vordergrund: die Recherche nach dem Verbleib der ausgelagerten Archivbestandteile und die Sichtung und Aufarbeitung des vorhandenen Bestandes. Parallel dazu habe ich die Digitalisierung in Angriff genommen. Viele Kästen sind gefüllt mit von Hand angefertigten Karteikarten und eine Sammlung von Büchern und Kopien zu traditionellen Tänzen, Liedern und Tanzspielen wurden angelegt. Diese sollen sowohl Besuchern der DTK in Neustrelitz wie auch Interessierten zumindest teilweise zugänglich gemacht werden. Schließlich wurde viel Zeit und Mühe darauf verwandt, aus der Fachliteratur und anderen Quellen Schrittfolgen und Noten festzuhalten und alphabetisch geordnet als Arbeitsmittel greifbar zu machen. Scans ausgewählter Dokumente werden schon bald auf einer neu eingerichteten Archivseite des Internetauftritts der DTK zu sehen sein.

Wie kommt die DTK zu solch einem Archiv? Die DTK arbeitet unter dem Dach der Stiftung für traditionellen Tanz im Land Mecklenburg-Vorpommern. Sie existiert seit 1991 und ist aus dem staatlichen Folklore-Ensemble hervorgegangen, das bereits in der DDR ein wichtiges Tanzzentrum war. Dort wurde traditioneller Tanz erforscht und präsentiert. Ab 1991 wurde die Brücke zur deutschen wie europäischen Moderne geschlagen. Nach der choreografischen Bearbeitung traditioneller Narrative wie ‚Die Nibelungen’, ‚Kriemhilds Rache’, ‚Faust’ besteht von Seiten der DTK der Wunsch, an die Ursprünge des Ensembles anzuknüpfen und sich verstärkt mit den Formen des traditionellen Tanzes, wie er von der DTK zuvor gepflegt wurde, in Theorie und Praxis zu beschäftigen. Traditionelles Schrittmaterial z.B. soll so aufbereitet werden, dass es als Inspirationsquelle dienen, mit zeitgenössischem Bewegungsmaterial verbunden und in aktuelle Diskurse künstlerisch eingebracht werden kann. Ungeachtet der Lust am Forschen in jahrzehntealten Quellen, dem verführerischen Duft von altem Papier, gibt es also auch einen praktischen Impuls dafür, ein Archiv zu wecken.


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