“Herzklopfen”: Die Verarbeitung des plötzlichen Aus des Theaters in einem Bildband. Catarina Mora

In „Herzklopfen“ geht es um die 10 Jahre Stuttgarter Flamenco Festival bis Corona. Ein Event, das das ganze Jahr über aktiv ist und sich quer durch die Gesellschaft zieht. Alle Niveaustufen können integriert, zum Mitmachen motiviert und zum Theaterbesuch verführt werden. Während des vergangenen Jahres hat das Festival seine Bühne in einem Bildband gefunden, der am 02.07.2021 im Henschel Verlag erschienen ist.

Ein Buch – warum jetzt?

Das Jahr 2020, eine Pandemie im Gepäck, hat mit seinen gravierenden Einschnitten das Zusammenleben, die Wirtschaft und allen voran die Kulturbranche schwer ausgebremst. Kaum etwas funktionierte noch wie gewohnt, ganze Lebens- und Arbeitsabläufe wurden auf den Kopf gestellt. Wie bei jedem historischen Einschnitt ermöglicht nur die kreative Anpassung eine Chance zum Überleben. Der Flamenco, Weltkulturerbe mit den Wurzeln im 6. Jahrhundert, wird wieder einmal seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen müssen.
Stillstand. Abstand. Abwarten… Corona – was nun? Wohin mit Bewegung, Rhythmus, Musik, Sehnsucht und Herzklopfen? Wie etwas so Lebendiges einfrieren? Das Festival 2020 durfte nicht stattfinden, also tauchte ich in die Archive und schaute mir an, was war. Wie alles kam. Und sammelte unsere besten Momente in diesem Bildband.

„Herzklopfen“

Flamenco lässt sich nicht so einfach in einer Definition einfangen.  Es ist ein Kunstgenre, das Musik, Tanz und sogar auch Mode und Design umfasst. Das in seiner Entstehung eine Vielzahl internationaler Einflüsse aufgenommen hat und lange ohne Aufzeichnungen von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Die Aufzählung dieser Einflüsse gemahnt an Globalisierung: Präromanisch, arabisch, maurisch, indisch, jüdisch, kastilisch, afrikanisch, nordspanisch… Daraus gewonnen die Essenz des Menschlichen, ausgeführt vom Tänzer, mit seiner nach außen gekehrten Persönlichkeit, der die Musik bedingt, herausfordert, in die Schranken weist und sich von ihr tragen lässt. Je klarer man tanzt, heißt es, umso besser spielen die Musiker. 

Foto: Stephan Glathe

Flamenco ist Teamarbeit. Erzählt Geschichten auf und abseits der Bühne. Es braucht ein leidenschaftliches Publikum, um der Einheit von Musikern und Tänzern einen Lebensraum zu geben. Begeisterungsfähig, bereit, dem sinnlichen Erleben von Kunst Zeit zu widmen und hinter den Kulissen kräftig zu fördern, damit das alles überhaupt geschehen kann. Werfen wir alle Klischees über die stets arbeitsamen und eher nüchternen Schwaben über Bord – hier lebt die Kunst! Dieses Buch ist nicht zuletzt eine Hommage an das tanzbegeisterte Stuttgarter Publikum, das schon 10 Flamenco Festivals seine Gastfreundschaft geboten hat. 

Wie kommt es, dass man hier so aufnahmefähig für Flamenco ist? Der Kern ist einerseits generell die dem Menschen ureigene Bewegungssehnsucht, die man ganz unverstellt und natürlich bei Kindern findet. Gehen, Laufen, Hüpfen, Springen, Drehen sind Grundbewegungsarten, die uns über die Jahre auf Bürostühlen und Sofas, hinter Monitoren und Lenkrädern Stück für Stück abhandenkommt. Salsa und Yogakurse sind gut besucht, Zumba der Hit und eben Flamenco. Andererseits ist es wohl die fast übertrieben eindringliche Darstellung alltäglicher menschlicher Dramen. Ein Ventil für Leidenschaften, Aggressionen, überbordende Weiblichkeit und den männlichen Gegenpart. Aggression ist hier positives Gestaltungsmittel und darf sich öffentlich wild gebärden. Es wird gestampft, geklatscht, immer lauter und schneller, ohrenbetäubend. Das Publikum erlebt das mit erhöhtem Puls. Hat Anteil an der Befreiung. Wir bewundern die Spanier, die vom Kind bis zum Greis diese Ausdrucksform noch immer leben, wissen, wo die Musik ist, wo man klatschen darf oder rufen muss, wie man in den Tanz einsteigt. Dies alles ist Teil ihres Nationalgefühls. Könnten wir doch bei so etwas genauso mittun… Der Ur-Mensch gegen die tendenziell bewegungsarme intellektuelle Gesellschaft? Wer sind wir, wer dürfen wir sein? Die Frau schlüpft in ein Kostüm, das in seiner Übertriebenheit aufregend schön ist. Tauscht den knappen androgynen Businessanzug mit ellenlangen Schleppen, Blumen, wuchernden Rüschen und schreienden Farben oder tiefstem Schwarz. Unser Innerstes krempelt sich nach außen. Bleiben wir mutig im Klischee! Ebenso hat die durch gesellschaftliche Regeln (die wir im Alltäglichen durchaus schätzen) unterdrückte männliche Aggressivität hier ihre Arena zum Austoben. Athletik, Ausdauer, Kraft und Explosion sind willkommen. Beim Anblick solchen Bühnengeschehens soll sich jeder wiederfinden dürfen. Jemand der noch nie getanzt hat und auch die Liedtexte nicht entziffern kann wird die Botschaft intuitiv verstehen. 


Während der Beschäftigung mit den Wurzeln des Flamenco entstand die Idee, die reale Situation von Tänzern darzustellen, daraus entstanden 3 Kurzfilme, die in intensiven Bildern die Einsamkeit und Verlorenheit von darstellenden Künstlern ohne Bühnen aufzeigt.

Über einen Zeitraum von 4 Wochen gehen die Tänzerinnen Shubhada Varadkar in Mumbai und Catarina Mora in Stuttgart mit je 3Tänzer*innen durch ihre Städte und filmen sie beim Tanzen an unterschiedlichen Plätzen. Jeder Tänzer einzeln bekommt die Möglichkeit sich ca. drei Minuten lang ganz persönlich auszudrücken. In kurzen Texten in ihrer Sprache und auf Englisch geben sie ein Statement über die Zeit ohne Bühnen, Theater und Tanzstudios. Die entscheidende Aussage, die aus dem Zusammenschnitt der verschiedenen Filme entsteht, ist die Verständigung über Grenzen durch den Tanz, der in seiner Schönheit und Aussagekraft nicht leidet, der weiter existiert und zum Lebenselixier vieler Künstler geworden ist. Ein kulturelles Kaleidoskop einer Momentaufnahme.

Die ausgewählten Tänzer sind verschiedenen Alters, verschiedener Stile und doch eint sie die Sprache des Körpers. Die Orte, die sie zum Filmen auswählen, sind ihre Heimat Stuttgart oder Mumbai.


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