Wie kommt man vom Körper zum Tanz? Wann entsteht Tanz? Pau Aran

Das Projekt “Werkstatt”: Skript des 1-wöchigen Seminars über Technik, Komposition und die Suche nach Bewegung

Jeder Workshoptag bestand aus drei Teilen: Technik, Improvisation und Komposition.

Montag

Ich begann mit einem Kreis auf dem Boden, in dem jede*r Teilnehmer*in über ihre*seine Motivation und Weg bis zum heutigen Tag berichtete. Am Ende erzählte ich von meinem Werdegang und erklärte, wie die Woche verlaufen würde. Am ersten Tag konnte ich die unterschiedlichen Niveaus der einzelnen Teilnehmer*innen wahrnehmen und wie ihre Körper auf das Material und die Übungen reagierten. Da es sich um eine heterogene Gruppe handelte, passte ich einige Bewegungen an, um ein Maximum an Effektivität und Stimulation zu erreichen. Nach einer grundlegenden Dehnung vom Boden aus, durch die der Körper “aufrecht stand und sich aufbaute”, gingen wir zu einer Reihe von technischen Übungen zu Präzision, Flexibilität der Wirbelsäule, Kopfgewicht, Atmung und Armspannweite über. Es folgte eine kurze choreografische Sequenz und zum Abschluss ein Lauf durch den Raum. In dieser letzten Übung habe ich das Verständnis des “Laufens” als zentrales Element verwendet, um es auf verschiedene Weise weiterzuentwickeln: durch Hinzufügen des Wortes, der körperlichen Beziehung zur Idee der “Dringlichkeit” sowie der Beziehung zu den anderen Partner*innen. Die Körpersprache begann präsenter und klarer zu werden. Zu diesem Zeitpunkt traten die meisten Blockaden und Widerstände auf.

Im zweiten Teil des Workshoptages arbeiteten wir an den Themen Aufmerksamkeit, Beobachtung und Bewusstsein, den drei Säulen der Improvisation. Indem ich an den Grundmustern und den verschiedenen Ebenen des Beckens arbeitete, schuf ich eine Methode der Komposition in Echtzeit, in der das Zuhören die Hauptrolle spielte. Diese Aufmerksamkeitsstufen sind für den dritten Teil des Tages, die Komposition, sehr nützlich. Zudem haben wir uns mit Blick, Berührung, Zärtlichkeit und Stille beschäftigt: Wie kann aus einer einfachen Geste eine choreografische Komposition entstehen, wenn auf diese Geste eine weitere folgt, und noch eine etc.? Insgesamt gab es sechs aneinandergereihte Gesten der Zärtlichkeit, die sich zu einem kleinen Tanz zu zweit im Rhythmus eines Walzers durch den Raum entwickelten.

Dienstag

Wir wiederholten die gleiche Routine wie am Vortag, haben dieselbe Struktur wiederholt und sind dann weiter ins Detail gegangen und einige Passagen zu zweit als Dialog einstudiert. Im Improvisationsteil änderte ich die Vorgaben, so dass auch theatralische oder dramaturgische Elemente ins Spiel kamen. Der Ausgangspunkt war nicht Pathos, sondern die simple Mechanik der Bewegung des Körpers. Wir erforschten den Wert des Einfachen, wie ihn Peter Brook in “Das offene Geheimnis. Gedanken über Schauspielerei und Theater” beschreibt. Wenn zwei Menschen den Raum betreten und sich gegenseitig anschauen ist das für ihn bereits Theater. Im dritten Teil habe ich die Teilnehmer*innen gebeten, einen kurzen Text über Liebe, Herzschmerz und Freiheit zu schreiben. Darüber hinaus habe ich ein Spiel mit dem Titel “Die Frau auf der Klippe” angeregt, durch das einzelne Geschichten aus persönlichen Fantasien entstanden sind. Wir haben jeden Text gelesen und dann habe ich in die Runde gefragt, wie es ihnen geht. Jede Person beschrieb den Gemütszustand mit einem Wort.

Mittwoch

Wir haben weiter an den Bewegungsqualitäten und der Bandbreite des Tanzes gearbeitet. Ich wollte, dass sie ihre Körper offen spüren, frei tanzen, durch Ausdehnung und Kontraktion, Atmung und Konzentration aus den Füßen, dem Rücken und dem Becken und sich dabei immer an das Credo erinnern: ‘alles geht, aber alles ist nicht einfach alles.’

In den Improvisationen sprachen wir über den offenen Blick, die Nutzung des Raumes, und den Einsatz des Materials. Für den dritten Teil habe ich sie gebeten, den Text von “Die Frau auf der Klippe” in Bewegungen zu übersetzen. Ich habe ihnen alle Zeit und Ruhe gelassen, um dieses Material zu finden, trotz der Zweifel, der Verlegenheit oder der Angst, die die Teilnahme an einer solchen Übung für einige von ihnen bedeutete.

Donnerstag

An diesem Tag haben wir den Technikteil zugunsten der Improvisation verkürzt. Stattdessen habe ich Anleitungen zur Durchführung der mir sehr wichtigen technischen und vorbereitenden Übungen geliefert. Ich behaupte, dass eine gut trainierte Basis notwendig ist, um zu freieren und ausdrucksstärkeren Formen und Bewegungen überzugehen und so Verletzungen und gefährliche Übungen für den Körper zu vermeiden. Anschließend lud ich jede*n Teilnehmer*in ein, das eigene Material auf Aspekte wie Geschwindigkeit, übermäßige Pausen, Atmung, Überraschungen und Akzente usw. zu hinterfragen. Auf diese Weise bekam das Material der einzelnen Mitglieder nicht nur Form, sondern auch Qualität und Tiefe. Abschließend bat ich sie, den ersten Text vom letzten Montag über Liebe, Lieblosigkeit und Freiheit auswendig zu lernen.

Freitag

Am letzten Tag des Workshops durchliefen wir den technischen Unterricht mit Dynamik und Entschlossenheit, mit so vielen Details und Informationen wie möglich. In der Improvisation haben wir uns zwei Themenkomplexen gewidmet: Der Unbeweglichkeit und der Verschiebung. Wir haben an der Idee eines scheinbar unbeweglichen Baumes gearbeitet und daran, wie er so viel Raum wie möglich abdecken kann, ohne seine Wurzeln zu verlassen, wenn der Wind bläst. Im dritten Teil des Tages bat ich alle, sich an das Material vom Vortag zu erinnern bzw. es aufzufrischen, den Text über die Liebe weiter zu lernen und zu versuchen, beides in einer einzigen getanzten und gesprochenen Phrase zu vereinen. Zudem gab es eine Übertragung von Material zwischen uns allen, so dass jeder ein Fragment eines anderen Partners tanzen konnte. Wir haben uns gefragt: Was passiert, wenn ich eine getanzte Phrase mit einem Text koordinieren muss? Welche Verbindungen gibt es zwischen dem ersten gesprochenen Text und der zweiten getanzten Rede? Was verändert sich in mir, wenn ich mein Material an einen anderen weitergeben und ihm/ihr beibringen muss; wie hilft es mir?

Zum Abschluss der Sitzung entwickelte ich eine Gruppenimprovisation, bei der jede*r jederzeit eintreten oder gehen konnte, scheinbar frei, aber unter Beachtung des Materials. Das heißt, sich im Raum nur mit dem Text, dem Tanz, beidem oder dem von einem anderen Partner erlernten Fragment zu entfalten. Offen, aber mit spezifischen Materialien, die im Laufe der Woche in den drei Abschnitten des Workshops entwickelt wurden. Dabei wurde jede*r Teilnehmer*in mit den folgenden Fragen konfrontiert: An wen wendest du dich, wenn du sprichst, und wenn du tanzt? Die Improvisation wurde zu einer Erkundung voller Echtzeit-Entscheidungen, ohne extreme Emotionen, die eine Beteiligung und Präsenz riskieren würden, und die uns zu einem kathartischen, individualistischen Punkt führen könnten, an dem keine Interaktion mit dem Rest der Gruppe stattfindet. Dies war ein wichtiger Aspekt des Seminars.

Der Workshop wurde mit einer Dankesrede und einem Feedback aller Teilnehmer*innen abgeschlossen. Es ist wichtig, dass der Prozess Vorrang vor dem Ergebnis hat. Auf diese Weise wurde jede Situation im Workshop als Teil der Reise verstanden, bei der ich die Gruppe beobachtend begleite. Alle möglichen Dilemmata bei der Arbeit mit dem Körper oder dem Schaffen durch den Körper waren willkommen und der Hauptgrund für dieses Seminar.


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